Der frühere WWE-Champion Yokozuna - (c) 2021 WWE. All Rights Reserved.
Der frühere WWE-Champion Yokozuna - (c) 2021 WWE. All Rights Reserved.

Die vielen Kilos gehörten zu seinem markanten Erscheinungsbild, waren jedoch auch für seinen viel zu frühen Tod verantwortlich. Jetzt hat WWE auf Yokozuna, einen einzigartigen Star der Neunziger, zurückgeblickt. (PW+)

WWE startet mit einer interessanten Doku-Reihe ins neue Jahr. Unter dem Label „Icons“ werden Superstars aus der Vergangenheit ins Visier genommen, die nicht zu den absoluten Aushängeschildern zählen, dennoch aber Fans ein Begriff sind. Namen wie Rob Van Dam, Lex Luger, Beth Phoenix oder Davey Boy Smith sind in kommenden Episoden ein Thema, doch die Debüt-Doku der „Icons“-Reihe war gleich einem markanten WWE-Champion gewidmet, dem japanischen „Sumomeister“ Yokozuna.  

Als Yoko 1992 in der damaligen World Wrestling Federation auftauchte, hielten ihn die meisten Zuschauer für einen echten Japaner. Tatsächlich, und darum macht der knapp 80-minütige Film keinen Hehl, entstammte Yokozuna der berühmten Anoa‘i-Familie. Die Samoaner gehörten bereits in früherer Generation zum Inventar der McMahons, vertreten durch die „Wild Samoans“ Afa und Sika. 

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DIE WRESTLING-KARRIERE WAR VORPROGRAMMIERT 

Als der junge Rodney Anoa’i, der in Kalifornien aufwuchs, lieber die Schule schwänzte und infolge dessen seinen High-School-Abschluss vermasselte, landete der Bengel bald bei seinen berühmten Onkeln an der Ostküste, Afa und Sika. Zu dieser Zeit betrieben die Samoans bereits ihre eigene Wrestling-Schule und bildeten, wie zu eben dieser Zeit auch das kommende Team der „Head Shrinkers“ (Samu und Fatu), den jungen Rodney zum Wrestler aus. 

Der spätere Yoko stand bereits mit 19 Jahren vor Publikum im Ring. Die Doku betrachtet diese Ausbildungsjahre in verschiedenen Promotions allerdings nur oberflächlich. Dabei waren es durchaus sechs bis sieben Jahre, in denen Anoa’i als Great Kokina in der American Wrestling Association (AWA) und bei anderen Veranstaltern Erfahrung sammelte. Auch nach Mexiko (UWA) verschlug es ihn, bei New Japan Pro-Wrestling arbeitete ab 1988 auf verschiedenen Touren. 

Detaillierter wird die Doku mit dem Einstieg bei WWE – und der Suche nach dem passenden Charakter für Rodney. Wie Vince McMahon im Film sagt, war er vom Talent des jungen Mannes von Beginn an überzeugt. Die Verantwortlichen wie Kollegen beeindruckte gleichermaßen, wie Anoa’i sich trotz seiner Pfunde so agil durch den Ring bewegte.

Ursprünglich sollte Rodney an der Seite seines Cousins Sam (Samu) die Headshrinkers bilden. Eine Infektionserkrankung sorgte aber dafür, dass man auf Fatu als Partner für Samu zurückgriff. Und deshalb wusste man erst nichts mit Rodney anzufangen, als er wieder fit für den Ring war. 

Zu sehen sind einige Aufnahmen, die ihn damals mit dem typischen Samoaner-Gimmick zeigten. Das Material wurde jedoch damals nie gesendet – weil man für ihn etwas anderes wollte. Die wilden Samoaner waren schließlich bereits die Headshrinkers. Es war Sgt. Slaughter, der bald die geniale Idee für das Sumoringer-Gimmick hatte, das dem 225-Kilo-Mann sogleich regelrecht auf den Leib geschneidert wurde. 

Mit der passenden Präsentation und Mr. Fuji als salztragenden Manager brachte Yokozuna die Federation-Fans zum Staunen. Eine so kolossale Erscheinung hatten sie bis dahin noch nicht gesehen. Auf Yoko ließ WWE auch nichts kommen. Er erhielt den Mega-Push. Der Sieg im Royal Rumble im Januar 1993, nur sechs Monate nach seinem TV-Debüt, brachte ihn auf Kurs für WrestleMania XI. Was dort passierte, gehört quasi zum Grundwissen echter WWE-Fans. 

Die Kurzfassung: Yokozuna nahm Bret Hart den WWE-Titel ab. Der „Hitman“ konnte den Sumoringer in seinen Sharpshooter klemmen. Da warf jedoch Mr. Fuji von draußen Salz in die Augen des WWE-Champions. Yokozuna profitierte sogleich aus diesem unsportlichen Verhalten, ließ sich mit seinem massiven Legdrop auf Hart fallen und holte den Titel. 

Der Mann, der diese Unsportlichkeit gar nicht ausstehen konnte, war Hulk Hogan. Der Hulkster tauchte am Ring auf und kümmerte sich um den „Hitman“, der sich noch das Salz aus den Augen kratzte. Hogan hatte am Abend bereits ein Tag-Team-Mach bestritten, geriet jetzt aber mit Mr. Fuji und Yokozuna aneinander. Fuji schlug im gebrochenen Englisch ein spontanes Match vor, das sich Hogan als Ehrenmann nicht entgehen lassen konnte. Wieder wollte Mr. Fuji Salz werfen. Doch Hogan passte besser auf als Hart und duckte sich weg. Das Salz landete in Yokos Augen, der daraufhin den Legdrop des Hulksters kassierte und zum Titelwechsel gepinnt wurde. Hatte man eigentlich gemeint, die Hogan-WrestleMania-Jahre würden der Geschichte angehören, jubelte der Hulkster noch mal am Ende der größten WWE-Veranstaltung des Jahres. 

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DIE KONTROVERSE UM WRESTLEMANIA IX

Innerhalb der Doku blieben die Umstände eine große Kontroverse. Gerade der „Hitman“ erlebte nicht gerade seinen besten Tag. Zuerst fiel es ihm im Match schwer, gegen den unbeweglichen Yoko seinen Sharpshooter richtig durchzuziehen. Beide Männer hatten den Mittelteil des Match weggelassen, weil der Samoaner massive Probleme mit seiner Kondition bekam. An dieser Stelle war Mr. Fuji dann nicht so weit und brauchte eine gefühlte Ewigkeit, um in seinen Eimer zu greifen und das Salz zu werfen. 

Das größere Problem hatte Hart jedoch nicht mit der Umsetzung des Matches, sondern mit dem Booking. Oder wie Bret in der Doku sagte: „Ich hätte mir am liebsten den Finger in den Hals gesteckt!“ Der Kanadier fand es ganz einfach zum Kotzen, dass Hulk Hogan wieder in den Mittelpunkt rückte. Bis dahin hatte die damalige Federation daran gearbeitet, sich aus der Hogan-Ära in eine neue Richtung zu entwickeln. Hogan unterbreitete dann Vince McMahon kurzfristig den Vorschlag, man solle die Fans doch besser mit einem Babyface-Sieg nach Hause schicken. Das führte zur Entscheidung, Hogan zum fünften Mal den WWE-Titel zu geben. Tatsächlich wäre ein Finale mit Yokozuna der erste Heel-Sieg im Main Event bei einer WrestleMania gewesen. 

Bruce Prichard, der heute wieder an vorderster Front im kreativen WWE-Apparat arbeitet und auch bereits 1993 involviert war, erklärte in der Dokumentation, der Titelwechsel passte deshalb, weil Hogan anschließend in Europa als Champion auf Tour ging und die Yokozuna-Fehde fortsetzte. Eine Europa-Tour gab es in der Tat nach WrestleMania IX, allerdings war Hogan gar nicht Teil davon. Der WWE-Titel spielte entsprechend auch keine Rolle. Yokozuna kämpfte im April 1993 unter anderem in Deutschland (Nürnberg, Frankfurt, Essen) gegen „Hacksaw“ Jim Duggan sowie den Undertaker. 

Korrekt ist hingegen, dass Hogan in der zweiten Jahreshälfte mit WWE nach Europa (und Deutschland) kam und in der Tat gegen Yokozuna antrat. Zu dieser Zeit war Hogan allerdings gar nicht mehr der Champion, Yoko hatte den Titel zurückgewonnen. Wie löste man das? Hogan gewann in den Matches durch Disqualifikation, damit der Titel bei Yoko blieb, die Fans aber einen Babyface-Sieg erlebten. 

Der frühere WWE-Champion Yokozuna - (c) 2021 WWE. All Rights Reserved.
Der frühere WWE-Champion Yokozuna – (c) 2021 WWE. All Rights Reserved.

Diese einzige Hogan-Tour mit WWE durch Deutschland brachte die Stars Ende Juli und Anfang August nach Dortmund, Offenbach, München und Berlin. Das Event in Offenbach am 31. Juli 1993 ist deshalb denkwürdig, da es die bis heute einzige Open-Air-Show von WWE in Deutschland war. 

Diese Enthüllung entkräftet Prichards Argument in der Doku, der WrestleMania-Titelwechsel hätte für eine Tour mit Hogan als Champion Sinn gemacht. Denn wie es sich tatsächlich zutrug, konnten die Main Events auch problemlos mit Yokozuna als Champion durchgezogen werden, dann eben mit einem DQ-Finish. Einen Faktencheck gab es bei den Doku-Machern an dieser Stelle jedenfalls nicht – oder man beließ es bei der Prichard-Version, weil es erzählerisch gut ins Bild passte. 

Ein anderer Aspekt des Mania IX-Ausgangs, der nur indirekt mit Yokozuna zu tun hat: Ursprünglich war Bret Hart ein Sieg über Hulk Hogan versprochen worden. Es gab bereits Fotoaufnahmen für ein Match beim SummerSlam 1993. Letztlich zog es der Hulkster aber vor, nicht gegen den Kanadier verlieren zu wollen. Stattdessen legte sich Hogan beim King of the Ring im Juni 1993 für Yokozuna hin. Im Finish des Matches kickte Yokozuna aus dem Legdrop aus. Hogan diskutierte erst mit Mr. Fuji und deutete dann einen Bodyslam gegen seinen gewichtigen Gegner an. Plötzlich stand jedoch ein Fotograf auf dem Ringrand. Als Hogan ihn zur Rede stellen wollte, flog aus dem Blitzlicht ein Feuerball in Hogans Gesicht. Der geblendete Hulkster kassierte Yokozunas Legdrop und wurde zum Titelwechsel gepinnt. 

Mit dem zweiten Anlauf als Titelträger begann die dominante Phase von Yokozuna als WWE-Champion – von Juni bis zur nächsten WrestleMania im März 1994. Neun Monate, so lange hatte es seit Superstar Billy Graham (1977/78) niemanden mehr gegeben, der am Stück als Heel-Champion bei der Federation dominierte! Der Erfolg im Ring brachte Yoko die besten Zahltage seiner Karriere. Wie Familienmitglieder berichteten, ließ er seine Verwandten daran teilhaben und verschenkte Geld ohne nachzudenken, ob sparen nicht sogar auch eine Option wäre.  

Zwei große Rivalen (Lex Luger beim SummerSlam 1993, Undertaker beim Royal Rumble 1994) konnten Yokos Regentschaft als zu diesem Zeitpunkt jüngsten WWE-Champion bisher (26 Jahre) nicht stoppen. Es war bei WrestleMania X schließlich Bret Hart, der seinen Sieg zurückbekam. Insgesamt kam Yoko auf 280 Tage als Titelträger. 

Rikishi vermutete an dieser Stelle des Films, dass weitere Main Events bei WrestleMania möglich gewesen wären. Doch dann kam Rodney das eigene Gewicht in di Quere. Die vielen Pfunde waren natürlich immer schon sein Markenzeichen gewesen, nun nahm ein bereits stabiler Kerl aber immer mehr und mehr Kilos zu. 

„Yoko liebte das Essen, die Gewichtsprobleme wurden offensichtlich“, erklärte Prichard. Tatsächlich wuchs Yoko stetig in die Breite. WWE steckte ihn in ein Tag Team mit Owen Hart, was trotz der sehr unterschiedlichen Charaktere gut funktionierte. Aber es war vor allem ein Ausweg, um den konditionell nachlassenden Yokozuna nicht mehr in Einzel-Matches präsentieren zu müssen.  

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SEIN GEWICHT GERIET AUSSER KONTROLLE

Die Gewichtszunahme wurde weiter im Film dokumentiert. Auch die Versuche von WWE und Kollegen, dagegen einzuwirken. Ein damals noch junger Mark Henry meinte aber, er hätte zu dieser Zeit nicht einem Yokozuna den Wunsch verweigern können, wenn der gerade einen Eimer mit Hähnchenteilen essen wollte. Es gab die oft zitierte Geschichte von Bret Hart zu hören, wie Yoko in einer Arena eine Toilette beim Draufsitzen aus der Wand riss. Und Übersee-Flüge wurden auch zum Problem. Business-Class-Sitze reichten irgendwann nicht mehr, stattdessen musste Rodney die Mittelarmlehne bei normalen Sitzen nach hinten klappen, um zwei Plätze quasi als Bank nutzen zu können. 

Die WWE-Verantwortlichen wollten Yoko in eine Spezialklinik in North Carolina schicken. Doch Rodney wollte dafür nicht temporär umziehen und meinte, sein Abnehmprogramm von Zuhause durchzuziehen. Doch als er danach zu WWE zurückkehrte, war er plötzlich noch dicker. Beim nächsten Anlauf ging er in die Klinik, nur um sich aber Essen hineinschmuggeln zu lassen. Yokozuna brachte mittlerweile deutlich mehr als 300 Kilo auf die Waage – und weil er einen Medizintest nicht bestand, erhielt er 1997 keine Zulassung von der Sportkommission in New York, noch in den Ring steigen zu dürfen. 

Die Betroffenheit war seinen Freunden und Begleitern von damals, wie Bret Hart oder dem Undertaker, im Gesicht abzulesen. Hart meinte: „Vince hätte immer einen Platz für Yokozuna gehabt.“ Tatsächlich kam der WWE-Boss selbst zu Wort und unterstrich seine hohe Meinung vom Talent des damaligen Champions. 

Die Familie bei der Aufnahme von Yokozuna in die WWE Hall of Fame
Die Familie bei der Aufnahme von Yokozuna in die WWE Hall of Fame

„Hätte man noch mehr machen können?“, ist eine Frage, die aufgeworfen wurde. Tatsächlich trennte sich WWE 1997 von Yokozuna. Doch mit dem Wrestling hörte er nicht auf. Kleine Independent-Shows und die Arbeit in einer eigenen Wrestling-Schule standen für ihn auf dem Plan. Im Oktober 2000 reiste Yoko für eine Tour nach England. Amüsante Bilder aus einer TV-Sendung in England waren zu sehen: „Er tat das, was er liebte. Er hatte eine große Leidenschaft für das Wrestling, es war sein Leben“, erläuterte seine Schwester. Nach einer Show am 23. Oktober 2000 telefonierte Rodney noch mit einigen Personen, unter anderem seinen Kindern. In der darauffolgenden Nacht verstarb er an Herzversagen. Mit nur 34 Jahren. 

„Ich hätte mehr machen sollen“, meinte Afa. „Yoko war viel zu jung zum Sterben“, ergänzte Bruce Prichard. Neben seinen Verwandten hinterließ Rodney Anoa’i vor allem seine noch jungen Kinder, die er nicht beim Aufwachsen begleiten konnte. 

Ein Vermächtnis hatte er dennoch in seinem Sport hinterlassen. „Er war der agilste Big Man, den es jemals gab“, urteilte Bret Hart. Vor allem aber sprachen die Befragten in der Dokumentation nicht nur positiv über den Wrestler Yokozuna, sondern über den Menschen Rodney Agatupu Anoa’i. 

Yokozuna bleibt ohne Frage eine der denkwürdigsten Persönlichkeiten der Neunziger-Federation. Dennoch war seine Geschichte bisher nie in den Vordergrund gerückt worden. Der erste Teil der „Icons“-Reihe hat das korrigiert. Vor allem scheut sich WWE nicht davor, auch die dunkle Seite der Yokozuna-Karriere aufzugreifen – Depressionen und eine Essstörung, die seine Karriere und vor allem seine Zeit auf Erden massiv verkürzte. Dieser erste Teil der „Icons“-Serie ist auch gerade deshalb eine Empfehlung und ein guter Vorgeschmack auf weitere hoffentlich ähnlich detaillierte Episoden über andere Wrestling-Legenden, die ein wenig mehr Aufmerksamkeit durchaus verdient hätten. 

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Die komplette Doku gibt es hier im WWE Network zu sehen.

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