Aktionäre klagen gegen frühere WWE-Spitze: Übernahmeprozess wird infrage gestellt
Hintergrund dieser Offenlegung ist eine aktuell laufende Aktionärsklage: Anleger werfen dem damaligen WWE-Vorstand vor, dass sich der Vorstandsvorsitzende Vince McMahon für Endeavor entschieden habe – obwohl andere, vielleicht lukrativere Angebote auf dem Tisch lagen. Der Vorwurf: McMahon wollte damit seine eigene Machtposition sichern. Die Beklagten bestreiten das natürlich.
Beklagt sind neben McMahon, WWE-Präsident Nick Khan, der heutige WWE-Chief-Content-Officer Paul Levesque sowie die früheren Führungskräfte George Barrios und Michelle Wilson. McMahon wird separat vertreten. Allen wird vorgeworfen, nicht ihrer Treuepflicht gegenüber den Aktionären nachgekommen zu sein.
Angestrebte WWE-Übernahme: Vier konkrete Milliardenangebote
Die Klagedokumentation, die teilweise öffentlich zugänglich ist, führt neben Khans Base10 und dem späteren Gewinner Endeavor weitere potenzielle Bieter auf. Darunter Liberty Media, die unter anderem die Formel-1-Rennenserie kontrolliert, sowie die Private-Equity-Firma KKR. Insgesamt gab es laut WWE-Unterlagen bei der Börsenaufsicht 20 potenzielle Interessenten, acht konkrete Interessenbekundungen und schließlich vier verbindlichere Angebote.
Khans Base10 bewertete WWE am niedrigsten und bot 76,83 US-Dollar pro Aktie, KKR zwischen 90 und 97,50 US-Dollar, Liberty Media zwischen 95 und 100 US-Dollar. Alle drei strebten einen reinen Cash-Deal an, bei dem die bisherigen Aktionäre direkt ausgezahlt worden wären.
Hintergründe zu Tony Khans "Base10"
Base10 wurde 2014 gegründet, Khan ist alleiniger Geschäftsführer. Als Firmensitz ist eine Adresse am Stadion der Jacksonville Jaguars angegeben, ähnlich wie bei AEW. Hintergrund: Khans Vater Shahid kaufte das NFL-Team Anfang 2012. Aus den Dokumenten geht zudem hervor, dass Base10 eine externe Finanzierungs- und Kreditpartnerschaft für den Deal benötigt hätte.
Endeavor erhielt den Zuschlag: WWE und UFC unter einem Dach
Endeavor, das sich schließlich durchsetzte und WWE infolgedessen mit UFC unter dem Dach der neu gegründeten TKO Group Holdings zusammenführte, setzte hingegen auf einen Aktiendeal. Dabei tauschten die WWE-Aktionäre ihre bisherigen Aktien gegen Anteile an TKO.
Umgerechnet auf den Gesamtwert von WWE ergaben sich folgende Bewertungen: Base10 bot rund 6,9 Milliarden US-Dollar, KKR zwischen 8,0 und 8,7 Milliarden US-Dollar, Liberty Media zwischen 8,5 und 8,9 Milliarden US-Dollar und Endeavor bei etwa 8,5 Milliarden US-Dollar.
McMahon musste kurz nach der Übernahme gehen
Im Rahmen der Klage wird beanstandet, dass die konkurrierenden Angebote – insbesondere die von Liberty Media und KKR – nicht vollständig ausgeschöpft worden seien und kein echter Bieterwettbewerb entstanden sei. Vielmehr habe sich der WWE-Vorstand – insbesondere Vince McMahon – frühzeitig auf Endeavor festgelegt.
Nach Darstellung der Kläger spielte dabei eine Rolle, dass Endeavor McMahon eine fortdauernde Führungsrolle im fusionierten Unternehmen TKO Group Holdings in Aussicht gestellt habe, wodurch er seine Machtstellung hätte sichern können. Die Beklagten bestreiten diese Darstellung.
Eine Zäsur stellte die Klage der ehemaligen Mitarbeiterin Janel Grant wegen sexuellen Missbrauchs und Menschenhandels dar: Vor dem Hintergrund drohender wirtschaftlicher Folgen – unter anderem für Sponsorendeals – drängte Endeavor-CEO Ari Emanuel McMahon im Januar 2024 zum Rücktritt. Die Grant-Klage gegen McMahon läuft weiterhin.
Wer NICHT um WWE mitgeboten hat...
Ebenfalls spannend: Die Dokumente verraten auch, wer nicht um WWE mitgeboten hat: Keine der großen US-Medien- oder Technologiekonzerne wie NBCUniversal, Amazon oder Netflix war dabei.
Gerade über NBCUniversal war als jahrzehntelanger WWE-Partner spekuliert worden. Auch ein Interesse von Disney wurde zeitweise kolportiert, erwies sich aber wohl als Wunschdenken.
Ebenso erwies sich das Gerücht, Saudi-Arabien habe WWE übernehmen wollen, als falsch. Im Januar 2024 berichteten viele Medien weltweit – auf Grundlage eines Twitter-Gerüchts – über eine angebliche Übernahme. Dies stellte sich jedoch als aus der Luft gegriffen heraus.
Übernahme erwies sich als wirtschaftlicher Erfolg - doch die Kritik bleibt!
Der Aktiendeal für die WWE-Aktionäre hat sich seit der Übernahme im September 2023 im Nachhinein als wirtschaftlicher Erfolg erwiesen. Am ersten Handelstag wurde die TKO-Aktie damals bei 102 US-Dollar gehandelt. Derzeit liegt sie bei rund 197 US-Dollar.
Ob dieser Kursanstieg die Erfolgsaussichten der Sammelklage gegen die damalige WWE-Führungsebene beeinflusst, bleibt abzuwarten. Denn die Klage richtet sich in erster Linie auf den Ablauf des Verkaufsprozesses und untersucht, ob die Aktionäre dabei möglicherweise benachteiligt wurden.
Fest steht: In einem „Was-wäre-wenn“-Szenario sähe die Wrestling-Landschaft heute ganz anders aus. Hätte Khan sich im Bieterprozess tatsächlich an die Spitze gesetzt, wären wir im Sommer 2023 plötzlich wieder mit einem Wrestling-Monopol konfrontiert gewesen – und das hätte wohl kaum jemand gewollt.
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