In den späten Achtzigern und frühen Neunzigern stritten sich Sting und Lex Luger um die Rolle des WCW-Aushängeschildes. Beim ersten SuperBrawl verbündeten sie sich jedoch gegen das populärste Team der Promotion: die Steiner Brothers. Ein Match, das die bedeutendsten WCW-Eigengewächse im perfekten Zusammenspiel zeigte.

DER HINTERGRUND

„Wie gelingt es dir, immer in so guter Form zu bleiben?“, fragte ein junger und unerfahrener Sting kurz nach seinem Start bei der späteren WCW den firmenintern etablierten Star Lex Luger. Es war ein offensichtlicher Versuch, in der fremden Umgebung Anschluss zu finden und mit seinen neuen Kollegen eine freundschaftliche Arbeitsbasis zu etablieren. Doch sein Gegenüber blickte ihm daraufhin nicht einmal in die Augen. „Erdnussbutter und Smarties“, antwortete er kalt. Und ließ anschließend den Neuankömmling ohne Weiteres sitzen.

Zweifellos hatten die beiden Kollegen damit einen alles anderen als guten Start erwischt. Aber dies war nur mehr als verständlich, wenn man bedenkt, dass Luger und Sting sich in den Spätachtzigern als absolute Konkurrenten begegneten. Die hoch gewachsenen und gleichaltrigen Bodybuilder (sie waren lediglich neun Monate auseinander) hatten beide im Jahr 1985 ihr Debüt im Pro-Wrestling gegeben und galten in der späteren WCW schon frühzeitig als Bewerber um die Position des absoluten Aushängeschilds der Firma. Da aber bekanntlich im Professionellen Wrestling nur ein Mann ganz oben stehen kann, würde einer der beiden in den nächsten Jahren das Nachsehen haben müssen. Und keiner von ihnen würde freiwillig seine Chance auf hohe Geldsummen und globale Prominenz aufgeben.

Obwohl es Ende der Achtziger noch immer stark danach aussah, als würde der frühere Footballspieler und perfekt vorzeigbare Lex Luger diese hart umkämpfte Rolle ausführen können, nahm er selbst die Bedrohung in Form Stings dennoch frühzeitig wahr. Luger kannte nämlich seine Stärken, aber auch seine Schwächen. Ihm war nicht entgangen, dass seit Stings Ankunft World Heavyweight Champion und Booker Ric Flair stark beeindruckt vom Stinger war. Im Gegensatz zu Luger war Sting im Ring einfach kompetenter, er war sicherer und konnte auch überzeugendere Arbeit am Mikrofon leisten. Würde es nach Flair gehen, wäre Sting der richtige Mann für den Job.

Doch Luger hatte ein Ass im Ärmel. Der ausführende WCW-Produzent und Flair vorgesetzte Machthaber hinter den Kulissen, Jim Herd, bevorzugte ihn als Topstar der Liga. Mit Blick auf die damals erfolgreichen WWE-Zugpferde Hulk Hogan und den Ultimate Warrior nahm Herd nämlich an, dass die reinen Wrestlingfähigkeiten nur zweitrangig seien, es wären die kosmetischen Aspekte, die einen Wrestler vermarktbar machen und der Firma vorzeigbare Zuschauerzahlen und Einschaltquoten bescheren würden. Ein großer Teil des oft rezipierten Streits zwischen Flair und Herd war also die Frage, welcher Publikumsliebling ihn in seiner Rolle als Champion beerben und die Firma als neuer Topstar in den Neunzigern anführen würde.

Vorerst setzte sich Flair jedoch gegenüber seinem Boss durch und ermöglichte Sting den vorgezogenen Push zum World Heavyweight Champion zu Beginn der neuen Dekade. Doch die Zuschauerzahlen und Finanzen der Liga veränderten sich nicht, so dass Sting trotz seiner Titelregentschaft keinesfalls als Sieger aus dem ligeninternen Konkurrenzkampf mit Luger hervorgegangen war. Es wurde schließlich die Entscheidung getroffen, nun Luger seine Chance auf den Topspot zu geben und ihn ähnlich wie Sting den etablierten Bösewicht Ric Flair im Ring entthronen zu lassen.

Bis es allerdings zu diesem Szenario kommen sollte, ließ man Luger und Sting als Tag Team auftreten. Der Gedanke hinter dieser Paarung bestand darin, dass der in den Augen der Zuschauer stärker etablierte Sting durch geschickte Tag-Team-Kämpfe Luger eine gewisse Legitimität als neuer #1-Herausforderer auf die Championship verleihen sollte. Beide Männer waren von der Idee auch sehr angetan. Nach den anfänglichen Turbulenzen hatten sie sich hinter den Kulissen mittlerweile nämlich zu sehr guten Freunden entwickelt, die nicht nur privat viel Zeit miteinander verbrachten, sondern auch Geschäftspartner geworden waren. Gemeinsam teilten sie sich nun ein Fitnessstudio und verfolgten große wirtschaftliche Expansionspläne im und abseits des Rings.

Auf der Suche nach geeigneten Fehden-Gegnern für die Top-Publikumslieblinge stießen die Verantwortlichen auf ein Brüderpaar aus Michigan, das sich in der damaligen Tag-Team-Division bereits Kultstatus erarbeitet hatte: die Steiner Brothers. Die beiden früheren Amateurringer hatten ebenso wie Sting und Luger seit Gründung der WCW der Liga beigewohnt und in der Tag-Team-Division für ähnliches Aufsehen gesorgt wie Sting und Luger in den Einzelrängen. Im Jahr 1991 waren sie mit großem Abstand das etablierteste und erfolgreichste Team, das die WCW je in den eigenen Reihen hatte. Vor allem dank ihrer brutalen Suplexes, die für viele ihrer Gegner real schmerzhafte Folgen hatten, konnten sich Rick und Scott eine für ein Tag Team herausragende Fanbasis erarbeiten. Immer wieder dachte man sogar an, dem jüngeren Steiner-Bruder Scott eine Chance im Main Event zu geben. Schließlich besaß er einen unglaublich muskulösen Körperbau, einen legitimen sportlichen Background und die Wrestlingfähigkeiten, um auch auf sich alleine gestellt ein wichtiger Gelderzeuger für die Liga sein zu können. Doch erneut hatte sich Ric Flair zu Wort gemeldet und der Führungsspitze deutlich gemacht, dass Steiner nicht das Zeug für eine Top-Position habe.

Herd, der es langsam leid war, von seinem Booker und Champion immer wieder zu hören, dass seine Favoriten nicht das Zeug für die oberen Ränge hätten (Flair hatte zwischenzeitlich auch Sid unzureichendes Potential attestiert), wollte Steiner aber eine Aufstiegsmöglichkeit dennoch einräumen. Außerdem zweifelte er langsam daran, dass Dauer-Champion Ric Flair wirklich alle seine ausgewählten zukünftigen Stars für unfähig hielt. Vielleicht wollte der gewiefte Nature Boy ja auch nur seine eigene Zeit an der Spitze ausdehnen und schob die angebliche Inkompetenz seiner Kollegen immer wieder vor, um den Topspot für sich selbst zu sichern.

Es kam schließlich zu Beginn des Jahres zu einem 25-minütigen Match zwischen Flair und Steiner, das nach dem Ablauf des Zeitlimits in einem Unentschieden endete. Während die durchschnittliche Leistung im Ring wenig spektakulär anmutete, ging es vor allem hinter den Kulissen im Anschluss heiß her. Steiner fühlte sich nämlich im Ring sabotiert und artikulierte lautstark seine Meinung bezüglich Flair. Obwohl die These, dass Steiner von Flair absichtlich schlecht und unerfahren im Ring dargestellt wurde, heute auch von kundigen Leuten wie Lance Storm geteilt wird, beendete der Kampf vorzeitig Steiners Aussichten auf einen lukrativen Job in der Einzel-Division. Er trat ab nun wieder in der Tag-Team-Szene mit seinem Bruder an und verspürte den Wunsch, seine zahlreichen Kritiker mit guten Leistungen zu überzeugen.

Die Fehde der vier Männer wurde folglich von dem Willen aller Beteiligten begleitet, sich eine bessere Position innerhalb der Firma zu sichern: Sting wollte beweisen, dass er trotz schwächerer Zahlen während seiner ersten Titelregentschaft den Topspot der Liga verdiente, Luger wollte beweisen, dass er es verdiente, die WCW World Heavyweight Championship zum ersten Mal zu erringen, und Scott wollte beweisen, dass er mehr anzubieten hatte, als Flair ihn hatte zeigen lassen. Aufgrund ihrer ausgeprägten Freundschaft hinter den Kulissen (alle vier Männer reisten und trainierten regelmäßig zusammen), brüteten sie lange gemeinsam über die Strategie, um ihren großen Showdown überzeugend zu gestalten. Schließlich waren alle vier Männer Publikumslieblinge und konnten deshalb nicht auf die gängige Ringpsychologie eines Duells zwischen Gut und Böse zurückgreifen. Schließlich war es Sting, der die Richtung des Kampfes vorgab. Sein Plan: Man sollte rausgehen und in einem wilden Spotfest die etablierten individuellen Supermoves abfeuern. Die Idee war also vergleichbar mit derjenigen, die später in der WWE-Tag-Team-Division auch von den Hardyz, Dudleyz und Edge & Christian angewendet wurde – allerdings mit der Einschränkung, dass ein Spotfest im Jahr 1991 sich natürlich an anderen Maßstäben orientierte, als das zehn Jahre später der Fall sein sollte.

Der Link zum Event im WWE Network: http://network.wwe.com/video/v31661095

DAS MATCH

Der Kampf begann in fairer Sportsmanier mit einem Handschlag der Teams, ehe Rick Steiner und Lex Luger mit einem Lock-Up die Konfrontation eröffneten. Da sich keiner der beiden Vorteile sichern konnte, versuchte es Rick als früherer Amateurringer mit seinen Fähigkeiten im Matten-Wrestling und rang Luger zu Boden, was diesen dazu veranlasste, sich in die Seile zu retten. Schließlich nahm Steiner Anlauf und zeigte einen eingesprungenen Shoulderblock, der jedoch an einem regungslosen Luger abprallte. Mit einem krachenden Powerslam setzte der frühere Footballspieler ein eindrucksvolles Zeichen, stürmte dann allerdings nach einem Whip-In in die leere Ringecke. Steiner nutzte die Gelegenheit und zeigte einen German Suplex und eine harte Clothesline. Es folgte ein Back Body Drop, den Luger mit einer krachenden Clothesline beantwortete, und eine Military Press, ehe er Sting einwechselte.

Der frühere World Heavyweight Champion machte kurzen Prozess mit dem älteren Steiner, clotheslinte ihn aus dem Ring und sprang mit einem Crossbody über das oberste Ringseil nach draußen nach. Im Ring zurück zeigte Sting einen Bulldog, doch der Dog-Faced Gremlin zeigte sich unbeeindruckt und stand sofort wieder auf. Sting hob ihn daraufhin aus und schleuderte ihn in die Ringecke. Der folgende Stinger Splash verfehlte jedoch sein Ziel und gab den Steiners die Gelegenheit zum Wechsel.

Scott Steiner drehte augenblicklich die Verhältnisse mit einer knallharten Sit-Down-Powerbomb und slamte Sting anschließend hart auf die Matte. Die Halle kochte, während Steiner ausführlich feierte. Diese Unerfahrenheit nutzte Sting aus, um seinen Gegner auszuheben und in die Seile krachen zu lassen. Dann wechselte er Luger ein, der mit einem Vertical Suplex nachsetzte und anschließend sofort wieder Sting in den Ring schickte. Doch Steiner überraschte ihn mit einem Reversed Atomic Drop und verpasste ihm dann vom zweiten Seil einen Bell-to-Belly-Suplex. Sting konnte zwar dem Cover entkommen, fand sich jedoch in die Enge getrieben wieder. Als Steiner in der Ecke auf ihn zustürmte, konnte er nur knapp entkommen und ließ den jüngeren der Brüder in die Ecke prallen. Es folgte der Wechsel mit Luger.

Dieser zeigte erneut einen Vertical Suplex, konnte Scott aber nicht pinnen. Mit einem weiteren Suplex kämpfte sich Steiner kurzfristig in das Match zurück, ehe Luger mit einem weiteren Powerslam dagegen hielt. Steiner zeigte nun die Russian Leg Sweep und wechselte dann hinter Lugers Rücken mit seinem Bruder. Mit einem Bulldog vom obersten Seil überraschte Rick Steiner Luger und holte nach einem Elbow Drop beinahe den Pin. Sting sprang nun ebenfalls mit einem Dropkick vom dritten Seil in den Ring.

In der explosiven Endphase des Kampfes kollidierten Luger und Rick Steiner im Ring und wechselten daraufhin ihre Teampartner ein, die die Fäuste zwischen den Seilen fliegen ließen. Sting zeigte nun sogar den Undertaker-Tombstone gegen Scott und hätte damit auch das Match entschieden, wenn Rick seinen jüngeren Bruder anschließend nicht vor dem Cover gerettet hätte. Luger mischte nun ebenfalls wieder mit, während Sting im Ring seinen Stinger Splash gegen Scott zeigte. Als Sting seinen Scorpion Deathlock ansetzen wollte, lief jedoch Nikita Koloff in den Ring und stürmte mit seiner Eisenkette auf Luger zu. Sting schubste seinen Teampartner in letzter Sekunde aus der Schusslinie, kassierte dafür aber voll den Schlag des bösen Russen. Scott nutzte die sich bietende Gelegenheit anschließend zum erfolgreichen Pin nach 11:09 Minuten aus.

DIE NACHWIRKUNGEN

Trotz der kurzen elf Minuten Ringzeit, die das Match von den Verantwortlichen erhalten hatte, stahlen die vier Jungstars an diesem Abend die Show und wurden hinter den Kulissen von einem sichtlich beeindruckten Flair begrüßt, der ihnen allen ein Kompliment aussprach und es zutiefst bedauerte, nun im Main Event an die grandiose Performance anknüpfen zu müssen. Erwartungsgemäß scheiterte er an dieser fast unmöglichen Aufgabe, sodass am nächsten Morgen nur ein Thema die Wrestlingwelt beschäftigte: die vier Jungathleten und ihre Leistung im Co-Main-Event. Das Match wurde von den beiden zum damaligen Zeitpunkt dominierenden amerikanischen Wrestlingmagazinen regelrecht euphorisch beklatscht: Wrestling-Journalist Dave Meltzer vergab viereinhalb Sterne (die zweithöchste Bewertung des gesamten Jahres für ein Match auf amerikanischem Boden), das traditionsreichere „Pro-Wrestling Illustrated“-Magazin kürte es Monate später sogar zum besten Kampf des gesamten Wrestlingjahres.

So gut der Kampf für die aufstrebenden Athleten jedoch war, so schlecht war er für die WCW als Ganzes, denn der interne Machtkampf zwischen Flair und Herd ging nun in eine völlig neue Phase. Mit großem Nachdruck drängte Herd seinen Titelträger dazu, die Championship doch endlich an Luger abzugeben. Danach sollte er zu schlechteren finanziellen Konditionen außerhalb des Main Events antreten. Flair war über diese Neupositionierung jedoch alles andere als begeistert und weigerte sich, den Titel an Luger abzugeben. Stattdessen schlug er seinen guten Freund Barry Windham als neuen Champion vor. Dieser war zwar im Ring durchaus kompetent, hatte aber seine populärsten Tage schon länger hinter sich und war auch kosmetisch in keiner vermarktbaren Ausgangslage. Es prallten somit erneut unterschiedliche Philosophien aufeinander, und der Nature Boy verließ schließlich mitsamt der Championship die Liga, um kurze Zeit später mit dem wichtigsten WCW-Gürtel in den WWE-Sendungen aufzutauchen. Eine Entscheidung, die ihm berechtigterweise von vielen WCW-Angestellten als egoistisch und für sie geschäftsschädigend vorgehalten wurde und dazu beitrug, dass Flair nach seiner Rückkehr zwei Jahre später nicht mehr langfristig in eine derartig vertrauensvolle Stellung aufsteigen konnte.

Lex Luger war nun in der schwierigen Lage, ohne Legitimation durch einen Sieg über den amtierenden Champion den wichtigsten Titel der Liga tragen zu müssen. Anstatt des intensiv beworbenen Showdowns zwischen ihm und Flair erwartete die Fans ein unterdurchschnittliches Match zwischen Luger und Windham beim Great American Bash. Da Flair den Titelgürtel kurzfristig hatte mitgehen lassen, war Luger außerdem gezwungen, mit einem sekundären WCW-Titelgürtel zu feiern, den man kurz vor Showbeginn noch präpariert hatte. Vor dem Match hatte man ihn deshalb auch darauf hingewiesen, auf keinen Fall den errungenen Gürtel in die Kamera zu halten, um sich und die Liga nicht zu blamieren. Die Präsentation des Kampfes ließ aber nicht nur aufgrund des falschen Gürtels und der schlechten Leistung im Ring zu wünschen übrig, auch die durchwachsenen Reaktionen der Fans auf den völlig unerwarteten Seitenwechsel Lugers auf die Seite der Bösewichte war ein alles andere als positives Vorzeichen für die anstehende Regentschaft des Total Package.

In den kommenden Monaten floppte Luger dann auch aufgrund des absoluten Chaos im Hintergrund in seiner ungewohnten Rolle als Antagonist. In einem Anflug von Panik entschied man sich deshalb dazu, die Championship an Sting zurückwandern zu lassen, der zu diesem Zeitpunkt der beliebteste Wrestler im Kader war. Der Titelwechsel bei WCW SuperBrawl II war Lugers vorerst letzter WCW-Kampf. Gefrustet von seinem gescheiterten Lauf an der Spitze erklärte er seinen Vorgesetzten, dass er keine Lust mehr auf das Wrestlinggeschäft habe und sich nach neuen Berufsalternativen umsehen wolle. Die Führungsetage zeigte sich einsichtig und verständnisvoll und bewilligte ihm die Kündigung; schließlich hatte er ja nicht vor, zur direkten Konkurrenz WWE zu wechseln wie Ric Flair. Kurze Zeit später unterschrieb das Total Package einen Vertrag bei Vince McMahon.

In der WCW brachen unterdessen ganz dunkle Zeiten an. Mit stetig wechselnden kreativen Verantwortlichen hinter den Kulissen und monatlich variierenden Langzeitkonzepten wirtschaftete die Liga sich weiter und weiter in die Krise. Selbst loyale Eigengewächse wie die Steiner Brothers, die 1992 noch einige PPV-Main-Events bestritten, hatten schließlich genug und stießen ebenso wie Luger zur WWE. Alle drei Männer hofften, dort eine professionellere Arbeitsumgebung zu finden und mehr Geld zu erwirtschaften. Sting hingegen hielt das Banner der Liga eisern hoch, arrangierte sich mit wechselnden Vorgesetzten und konnte aufgrund seiner stets professionellen und motivierten Arbeitsleistung seinen Platz als bedeutendster Publikumsliebling verteidigen. Ob nun gegen Mick Foley, Jake Roberts, Big Van Vader oder Sid Vicious: Sting arbeitete mit vielen Kollegen unterschiedlichster Statur und Fähigkeiten zusammen und machte stets das Beste aus der unsicheren und schwierigen Arbeitsumgebung. Deshalb erarbeitete er sich in dieser Zeit auch den Ruf, die Seele der Liga zu sein.

Selbst als Ric Flair und Hulk Hogan in den Mittneunzigern ins WCW-Geschehen eingriffen und ihren politischen Einfluss nutzten, um sich selbst die dicksten Gehälter und prominentesten Rollen zu sichern, bewahrte Sting seine Professionalität und behielt trotz fragwürdiger Bookingentscheidungen die Nerven. Um in der neuen Umgebung neben den gewaltigen Egos jedoch bestehen zu können, suchte er auch nach Verbündeten, um in der Ligenhierarchie nicht vollkommen unterzugehen. Während die Freundschaftsduos Ric Flair und Arn Anderson sowie Hulk Hogan und Randy Savage die Machtpositionen hinter den Kulissen heiß umkämpften, sprach Sting mit seinem engen Freund Lex Luger über eine mögliche Rückkehr zur WCW.

Von dem Glanz von Lugers anfänglicher Präsentation in der WWE war 1995 kaum noch etwas übrig geblieben, und der frühere WCW-Champion trieb zunehmend orientierungslos in der Midcard umher. Als er Sting in einem privaten Gespräch erzählte, dass er schon seit Monaten über einen neuen Vertrag mit der WWE verhandelte, sich aber aufgrund unterschiedlicher Gehaltsvorstellungen nicht mit seinem Boss einigen könne, witterte Sting die Chance, die politischen Machtverhältnisse in der WCW zu seinen Gunsten zu verschieben. Wenn Luger als Überraschungsgast zum Start der neuen WCW-Sendung Nitro zurückkehren würde, müsste man ihn automatisch als bedeutenden Star präsentieren, um möglichst hohe Wellen in den Einschaltquoten zu schlagen. Luger hätte über Nacht wieder einen Platz im Main Event und folglich ein besseres Gehalt, Sting würde durch die Ankunft seines Freundes augenblicklich an politischer Macht gewinnen und könnte sich zusammen mit Luger in der WCW-Hierarchie stärker positionieren. Nach einer Unterredung mit Stings neuem Chef Eric Bischoff war der Wechsel perfekt: Pünktlich zum Start von Nitro, das in direkter Konkurrenz zu Raw auf Sendung ging, kehrte Luger zur WCW zurück und duellierte sich sofort mit Hulk Hogan im Main Event.

Mit gewaltiger Starpower im Rücken erbebte die WCW 1995 mit den drei genanmten Macht-Bündnissen an der Spitze, explodierte jedoch regelrecht im darauffolgenden Jahr, als das Duo Kevin Nash und Scott Hall ebenfalls zur Südstaaten-Liga stieß und mit der Kreation der nWo die WCW zur #1-Liga in den Staaten machte. Während die feindlichen Invasoren Hogan, Savage, Hall und Nash die Grundfesten der WCW bedrohten, repräsentierten Sting, Luger und die nun ebenfalls zurückgekehrten Steiner Brothers als WCW-Eigengewächse die vorderste Front gegen die Eindringlinge. Die nWo/WCW-Fehde entwickelte sich zu einer der besten Rivalitäten in der Geschichte des Sports-Entertainment. Unterdessen blieb jedoch ein anfängliches WCW-Urgestein auf der Strecke: Ric Flair. Die ganzen politischen Spielchen, die der Nature Boy zu Beginn der Neunziger mit Leuten wie Lex Luger, Scott Steiner und Scott Hall gespielt hatte, rächten sich bitter. Als Hulk Hogan zwischen 1994 und 2000 nämlich alles dafür tat, um sich gegenüber Flair als bedeutenderer Performer seiner Generation zu profilieren, setzte sich verständlicherweise kaum einer der zuvor von Flair unten gehaltenen Wrestler für den Nature Boy ein, um dessen Abstieg in die Midcard zu bremsen.

In dieser wirtschaftlichen Boomphase erlebten Sting und Luger aber auch die Schattenseiten des Erfolgs. Mit ihren rasant ansteigenden Gehältern experimentierten beide zusehends mit Drogen, schöpften ihren aufgrund ihrer Popularität auf dem Datingsektor gestiegenen Marktwert exzessiv aus und betrogen mehrfach ihre Ehefrauen. 1998 zog Sting dann einen Schlussstrich. Als er seiner Frau mehrere Affären beichten musste, entschied er sich, seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Er schwor Drogen und Promiskuität ab und fand zu seinen christlichen Wurzeln zurück.

Dies sorgte für einige Spannungen mit seinem besten Freund im Wrestlingbusiness. Lex Luger fühlte sich von Sting nämlich verraten, da er nun seine Drogen alleine nehmen musste und Sting ihm trotz eigener früherer Affären nun Moralpredigten über die Bedeutung von Treue innerhalb einer funktionierenden Ehe hielt. Als die WCW 2001 die Pforten schloss, war ihr Verhältnis deshalb stark abgekühlt. Während Sting sein Leben abseits des Rings genoss und sich seiner Familie widmete, widmete Luger sich einer Abwärtsspirale aus Drogenexzessen und privaten Problemen.

Schon zu WCW-Zeiten hatte das Total Package seine Ehefrau oft betrogen. Viele seiner persönlichen Probleme eskalierten allerdings erst Ende 1999, als er eine Affäre mit Randy Savages Ex-Frau Miss Elizabeth einging. Wie Luger heute rückblickend einräumt, waren beide aufgrund ihrer Drogenprobleme Gift füreinander. Als Elizabeth nach der Jahrtausendwende in Lugers Wohngegend nach Atlanta zog, warnte nicht nur Lugers langjähriger Freund Scott Steiner ihn, dass eine Affäre vor Ort nicht nur logistisch eine größere Bedrohung für sein Familienleben sei. In einem täglichen Spießrutenlauf versuchte Luger schon bald, seine Affäre mit Elizabeth ebenso vor seiner Familie geheim zu halten wie seine immer ausufernde Drogensucht. Beides misslang und führte zu einer Erschütterung seines Soziallebens.

Nachdem seine Familie sich von ihm abgewendet hatte und seine neue feste Lebensgefährtin Miss Elizabeth auf tragische Weise an einer Überdosis Medikamente in Verbindung mit Alkohol in seinen Armen gestorben war, fand man in seinem Haus eine Vielzahl illegaler Steroide. Luger erhielt zwar vorerst nur eine Bewährungsstrafe, musste aber später aufgrund eines Verstoßes gegen die mit der Bewährung verbundenen Auflagen für einen kurzen Zeitraum ins Gefängnis. Neben seinem problematischen Privatleben erging es auch seiner Karriere nicht gut. Nachdem er in den Neunzigern die beiden großen Wrestlingfirmen wiederholt gegeneinander ausgespielt hatte, sah der seit 2001 faktische Wrestling-Monopolist WWE keine Vertrauensbasis mehr für eine erneute Zusammenarbeit. Die neueren Ligen wie ROH und TNA waren ebenfalls nicht an einer längeren Zusammenarbeit interessiert.

Um der schwierigen Situation und den emotionalen Schmerzen zu entkommen, flüchtete sich Luger immer stärker in Drogen und Alkohol. Schließlich kam es dazu, dass er sich einen Abend angespornt von Langeweile eine besonders hohe Dosis von beidem verabreichte und in Folge dessen eine Art Epiphanie, eine göttliche Vision, bekam. In seinem Buch „Wrestling with the Devil“ schildert er eindringlich seinen fiebrigen und beängstigenden Traum, der ihn dazu trieb, nach dem Aufwachen erstmals ausführlicher in der Bibel zu lesen. Der drogeninduzierte Alptraum markierte den Anfang seines erwachenden christlichen Bewusstseins. In den anschließenden Jahren festigte sich sein Glaube, und gemeinsam mit vielen neuen christlichen Bekanntschaften und der Hilfe seines guten Freundes Sting schien Luger sein Leben wieder in die richtigen Bahnen lenken zu können, als ein plötzlicher Schicksalsschlag eintrat. Ein unerwarteter Schlaganfall lähmte den beeindruckenden Athleten und veränderte sein Leben grundlegend. Heute hat Luger dank harter Arbeit und unerschütterlichem Glauben zwar einiges von seiner Mobilität zurückgewonnen und kann in vielen Bereichen wieder selbstständig und ohne Hilfe sein Leben führen, aber der gesundheitliche Zwischenfall zeichnet ihn noch immer.

Heute, rund dreißig Jahre nach ihrem ersten Zusammentreffen, finden sich Luger und Sting an beruflich sehr verschiedenen Punkten wieder. Während Sting noch immer sporadisch im Ring auftritt und bei WrestleMania auf Triple H treffen wird, arbeitet Luger verstärkt hinter den Kulissen und bleibt dem Wrestlinggeschäft durch Interviews und beratende Funktionen verbunden. Spirituell sind beide trotz ihrer unterschiedlichen Ausgangslagen jedoch Brüder im christlichen Glauben und nach wie vor enge Freunde, die viele Gemeinsamkeiten in ihren Lebensläufen verbindet. Beide hatten einen ähnlichen Karriereverlauf und erlebten vergleichbare Karrierehöhepunkte, beide machten negative Erfahrungen mit Drogen und zerstörten mit Affären ihre Ehen und sind heute geschieden, und beide haben schließlich zu Gott gefunden und befinden sich heute nach eigenen Aussagen an sehr zufriedenen und dankbaren Punkten in ihren Leben. 

Bei der ersten Auflage des SuperBrawls zeigten die damaligen WCW-Kronprinzen Sting und Lex Luger gemeinsam mit den talentierten Steiner-Brüdern einen explosiven Kampf, der symbolisch die bekanntesten Eigengewächse der Promotion vereinte.

ALEXANDER NOLTE

Ursprünglich erschienen in PW 4-2015